Identifikation
Signatur:
Ar 735
Entstehungszeitraum / Laufzeit:
1992-2024
Umfang:
1.2 m
Kontext
Abgebende Stelle
C. Marinucci
Verwaltungsgeschichte / Biographische Angaben
Claudio Marinucci gründete am 20.01.1996 gemeinsam mit weiteren Freiwilligen den offiziellen Verein fos•ters (friends of sequoyah • team research switzerland), um die gesetzlichen Rechte Sequoyahs, einem zum Tode verurteilten US-Amerikaner zu schützen; als Einzelpersonen waren sie bereits seit 1992 aktiv. N. I. Sequoyah (geboren am 03.01.1952 als Billy Ray Waldon in Talequah, Oklahoma; kurz: Sequoyah) war im Februar 1992 in Kalifornien in erster Instanz zum Tode verurteilt worden. Zur Last gelegt wurden ihm Mord, Vergewaltigung, Brandstiftung und Einbruch, die er während weniger Tage im Dezember 1985 in San Diego begangen haben soll. Er wurde in den Todestrakt des San Quentin Gefängnisses verlegt, um dort auf seine Hinrichtung zu warten. Bis 2023 sass Sequoyah in der Todeszelle des kalifornischen Staatsgefängnisses San Quentin und wartete auf seine Berufungsverhandlung. 2023 wandelten die sieben Richter*innen des Obersten Gerichtshofs Kaliforniens Sequoyahs Todesstrafe in eine lebenslängliche Haftstrafe um. Im Zuge dessen wurde er in das psychiatrische Spital Patton State Hospital in San Diego verlegt. Dort ist er bis heute inhaftiert.
Die Unterstützung Sequoyahs durch fos•ters war sehr umfassend. Einzelpersonen wie bspw. der katholische Priester Regan standen in engem Austausch mit Sequoyah und besuchten ihn wiederholt. fos•ters legte den Fokus auf die rechtliche Unterstützung, veranstaltete auch Benefizveranstaltungen, wie bspw. Solidaritätskonzerte, um Spenden zu sammeln. Statt die Unschuld Sequoyahs belegen zu wollen, konzentrierte sich seine rechtliche Unterstützung auf verfahrensrechtliche und humanitäre Punkte. Die Arbeit von fos•ters hatte zum Ziel kompetente juristische Unterstützung respektive Verteidigung für Sequoyah zu organisieren, sowie einen ‘einwandfreien’ Prozess zu ermöglichen. fos•ters stellte den Kontakt zu dem Menschenrechtsanwalt Philip Sapsford von der Menschenrechtsorganisation Bar Human Rights Committee (BHRC) und Connie de la Vega, einer Professorin für internationales Recht her, die über die juristische Expertise verfügten.
2007 brachte Connie de la Vega, eine Professorin für internationales Recht, den Fall Sequoyah vor die Interamerikanische Menschenrechtskommission (IACHR). 2020 befasste sich die Kommission abschliessend damit und entschied zugunsten des Verurteilten. Sie kam zum Schluss, dass das Recht auf ein Gerichtsverfahren ohne Verzug verletzt worden sei und, dass die USA Sequoyahs Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, sein Recht auf ein faires Verfahren, sein Recht auf Berufung, sein Recht auf Schutz vor willkürlicher Verhaftung sowie sein Recht auf ein ordnungsgemässes Verfahren verletzt haben.
Die Kommission empfahl den USA, Sequoyahs Todesurteil in eine Haftstrafe umzuwandeln und ein generelles Hinrichtungsmoratorium zu verabschieden. Aus Sicht verschiedener Menschenrechtsorganisationen ist das «Death Row Phenomenon» eine grausame und unmenschliche Bestrafung. Die Entscheidung der Kommission im Fall Sequoyah ist insofern wegweisend, als dieses Phänomen, d.h. die psychologischen und körperlichen Auswirkungen der jahrzehntelangen Unsicherheit durch das Warten als schädlich und grausam anerkannt werden. Dieser Entscheid bedeutet nicht nur Hoffnung für Sequoyah, sondern auch für viele andere zum Tod Verurteilte in den USA.
Übernahmemodalitäten
Übernommen am 11.03.2025.
Inhalt und innere Ordnung
Form und Inhalt
Der Bestand ist gut geordnet und dokumentiert die Arbeit von fos•ters bis 2020 sehr ausführlich. Nach 2020 wurde die Arbeit privat fortgesetzt.
Enthalten sind Korrespondenzen, juristische Gutachten, Gerichtsakten, Notizbücher, Kassetten, E-Mails in ausgedruckter Form, digitale Dokumente auf CDs und USB-Sticks, Fundraising Dokumente.
Die nummerierten Listen des ursprünglichen Verzeichnisses wurden in den Dossier-Beschreibungen beibehalten, weil sie für die Ordnung des Bestandes von Bedeutung sind und der Orientierung dienen. Der Bestand wurde von Claudio Marinucci in sogenannten JUM-Boxen (normierte Umzugskisten von Jumbo) geordnet. Die Ordnung in den Boxen wurde beibehalten.
Bewertung und Kassation
Kassiert wurden Mehrfachexemplare. Folgende Unterlagen wurden an Bild und Ton übergeben:
2 Ordner mit Photos:
- Ordner #1 enthält Photos aus von 1993 bis 1999
- Ordner #2 enthält Photos von 2000 bis 2011
Die Box: «MUSIC FOR LIFE» enthält Solidaritäts-T-Shirts des Projekts «Music for Life» und einer Esperanto-Organisation aus Ar 735.6
Box «VIDEOTAPES» aus Ar 735.1
- 10vor10 (1992)
- Rusler TV
- Charity Concert mit Dave Liebmann (27.03.1998)
Neuzugänge
Es werden keine Neuzugänge erwartet.
Zugangs- und Benutzungsbedingungen
Zugangsbestimmungen
Der Bestand ist im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs ohne Benutzungsbeschränkungen einsehbar.
Sprache/Schrift
Unterlagen in deutscher, englischer, französischer, italienischer und esperantischer Sprache.
Sachverwandte Unterlagen
Verwandte Verzeichnungseinheiten
Claudio Marinucci: The right to kill?. Capital punishment: one case, one study, one story : the fos.ters story, 2023.
Verzeichnungskontrolle
Informationen der Bearbeiter*in
Bearbeitet im November 2025 von I. Nordborg.