Verwaltungsgeschichte / Biographische Angaben
Historische Hintergrundinformationen: Anlässlich des 700-Jahre-Schweiz-Jubiläums 1991 lancierte der Kanton Zürich den Projektwettbewerb «Zürich morgen». Einige Frauen rund um Rosmarie Schmid und Agnes Barmettler reichten 1988 das Projekt «Labyrinthplatz» ein, welches ein für ein Sommerhalbjahr bestehendes Pflanzenlabyrinth und ein längerfristig nutzbares Steinlabyrinth in der Stadt Zürich vorsah. Das Projekt wurde mit 24 weiteren prämiert und zur Realisation 1990 ausgewählt.
Ideell war der Labyrinthplatz jedoch von Anfang an eine den Platz Zürich und das konkrete Projekt sprengende Angelegenheit gewesen: Labyrinthplätze wurden im Antrag als selbstverwaltete Frauenplätze vorgestellt, die so selbstverständlich wie Fussballplätze, Bibliotheken, Hallenbäder und andere öffentliche Einrichtungen in Städten und Gemeinden zur Verfügung stehen sollten. Ein Labyrinth, so der Leitgedanke, sollte es nicht an einem Ort, sondern an 133 Orten geben (Erzähl mir Labyrinth, S. 94).
Ein Labyrinthplatz war auf einer symbolisch-ideellen (und durchaus auch spirituellen) Ebene als Kulturmuster gedacht: Das Labyrinth verkörperte die «die weibliche Seite des Humanen» und sollte die zyklische Natur und die All-Verbundenheit des Lebens sichtbarer machen und (im Fall des Pflanzenlabyrinths) gleichzeitig kulturelle Zusammenhänge (Pflege, Erneuerung, Veränderung) durch Elemente wie Wetter, Boden und Nahrung veranschaulichen. Die Gruppe setzte sich mit dem Labyrinth als Symbol in unterschiedlichen kulturellen Kontexten auseinander; mit dem Minotaurus/Ariadne Mythos und dem Labyrinth von Chartres genauso wie mit Labyrinthen bei den Hopi, wo es als Sinnbild für Mutter Erde traditionell bei verschiedenen Festen und Riten noch immer eingesetzt wird. Zudem bestanden über Rosmarie Schmid Verbindungen zu Heide Göttner-Abendroth und ihrer Matriarchatsforschung sowie zu Dagmar von Garnier, welche im Raum Frankfurt u. a. Jahreskreisfeste feierte und im Jahr 2000 das «Fest der 2000 Frauen» einschliesslich eines Gedenklabyrinth veranstalten sollte. Darüber hinaus engagierte sich Rosmarie Schmid bei den Frauen für den Frieden, entsprechend bestand auch eine Nähe zur Friedensbewegung, zu feministischen Theologinnen und der Paulus Akademie.
Für das Pflanzenlabyrinth erhielt die Gruppe vom Gartenamt Zürich eine Zusage auf dem Kasernenhofareal (das Militär war 1987 ausgezogen), wo am März 1991 auf der Zeughauswiese ein Kreis von 30 Durchmesser umgegraben und das Pflanzenlabyrinth angelegt wurde.
Die Suche nach einem Ort für das Steinlabyrinth gestaltete sich schwieriger. Die Gruppe wählte zwei möglichen Standorten aus: den Lindenhof als historischer Frauen-Ort und den Zwingliplatz neben dem Grossmünster. Der Lindenhof wurde vom Stadtrat dafür jedoch nicht freigegeben und gegen ein Steinlabyrinth auf dem Zwingliplatz bildete sich bald Widerstand der Anwohner und der Kirchengemeinde, so dass trotz fortgeschrittener Planung und einer Finanzierungszusage der Regierung auf das Projekt verzichtet werden musste. Letztlich konnte auf dem Münsterplatz bloss ein provisorisches Labyrinth auf den Boden gemalt werden. (S. 50ff)
Im Gegensatz zum Steinlabyrinth verlief die Einbettung des Pflanzenlabyrinths in die Umgebung erfolgreich: Nach einem halben Jahr sprachen sich die anwesenden Quartierbewohner:innen für eine Weiterführung aus und die Stadt verlängerte die Nutzungsbewilligung. Infolgedessen konzentrierte sich die Gruppe auf das Kasernenareal; zuerst wurde ein Steinlabyrinth auf den Asphalt im Hof gemalt, später wurde es ins Pflanzenlabyrinth selbst integriert.
1991 und 1992 wurde das Projekt durch «Zürich morgen» unterstützt, 1993 und 1994 übernahm Pro Helvetia einen Teil der Finanzierung, 1995 zahlte die Stadt Zürich einen einmaligen Betrag aus. Der Platz wurde dem Projekt vom Gartenbauamt zur Verfügung gestellt. Nachdem für 1996 durch die evang. Kirche Aussersihl und Privatspenden nur noch ein Teil der laufenden Kosten gedeckt und somit der Rest durch «Eigensponsoring» finanziert werden musste, kam es 1997 zur Gründung des Vereins «Labyrinthplatz Zürich», welcher eine Finanzierung durch das Projekt «Soziokultur» des Sozialdepartements der Stadt Zürich möglich machte.
Von Anfang an wurde das Pflanzenlabyrinth auf dem Kasernenareal zum Begegnungsort verschiedener Gruppen: zwischen den Besucherinnen und Besuchern, den Quartierbewohnern sowie marginalisierten Gruppen wie Suchtkranken und psychisch kranken Menschen oder Sans Papiers. Die «Labyrinthfrauen», die das Labyrinth betreuten, verstanden sich als «öffentliche Hausfrauen» und das Labyrinth als Aussenwohnraum, in dem sie Gäste empfingen (S. 108 ff).
Die Mehrheit der Arbeit wurde unbezahlt verrichtet; entschädigt wurde allein die gärtnerische Arbeit, sowie jeweils ein Honorar an Gäste, Referentinnen und Künstlerinnen entrichtet.
Auf dem Labyrinthplatz wurden in den ersten Jahren Veranstaltungen bei Voll- und Leermonden durchgeführt und Jahreskreisfeste gefeiert; das Labyrinth wurde dabei rituell begangen bzw. tanzend durchlaufen und in vielfältiger Weise in die Veranstaltung integriert. Thematisch waren neben eher spirituell-naturverbundenen und/oder künstlerischen Inhalten auch politisch-soziale Fragestellungen oder Aspekte des Zusammenlebens im Quartier vertreten. Ab der Jahrtausendwende orientierte sich Veranstaltungskalender weniger strikt an den Mondphasen, thematisch lässt sich jedoch eine gewisse Kontinuität feststellen.
Der Umstand, dass der Labyrinthplatz Zürich von Anfang an als Pionierprojekt einer eigentlichen, über die Kantons- und Landesgrenzen hinausgehenden «Labyrinthbewegung» verstanden wurde, führte dazu, dass den Initiantinnen Rosmarie Schmid und Agnes Barmettler zwei Aufgabenbereiche zufielen: die Umsetzung und den Unterhalt des Projektes in Zürich einerseits, andererseits die Bekanntmachung der Idee im In- und Ausland und die Beratung beim Aufbau von weiteren Labyrinthen. Bereits 1990 stellte Rosmarie Schmid zusammen mit Dagmar von Garnier in Frankfurt den Labyrinthplatz als «politisches Experiment» und Labyrinthe als Tanzplätze für Städte vor, in denen Frauen als Trägerinnen der Kultur auftreten konnten.
Die Doppelbeanspruchung machte nach einem Jahrzehnt eine Aufteilung notwendig: 2001 wurde der Verein der Verein «Labyrinth international» gegründet, der Verein Labyrinthplatz Zürich blieb als eigenständiger Verein weiterhin bestehen. Labyrinth international pflegte das internationale Netzwerk der über 130 Labyrinthe weltweit und veranstaltete ab 2001 alle zwei Jahre Kongresse, während der Verein Labyrinthplatz Zürich weiterhin für das Labyrinth auf dem Kasernenareal zuständig bleibt.
Die Vision eines Labyrinths auf dem Grossmünsterplatz konnte letztlich trotzdem verwirklicht werden: Im Nachgang zum 30-jährigen Jubiläum des Pflanzenlabyrinths griff eine Gruppe der älteren «Labyrinthfrauen» das Thema «Steinlabyrinth» wieder auf und es gelang ihr, die Kirchgemeinde und den Stadtrat davon zu überzeugen, den Entscheid von 1990 zu revidieren. 2023 konnte das Steinlabyrinth auf dem Grossmünsterplatz der Öffentlichkeit übergeben werden, während der Renovation des Grossmünsters (2025-2028) ist als Ersatz ein Labyrinth auf dem nahegelegenen Schiffländeplatz aufgemalt.