Stiftung «die neue zeit»


Identifikation

Signatur:

Ar 705

Entstehungszeitraum / Laufzeit:

1930-1984

Umfang:

1.75 m


Kontext

Abgebende Stelle
Stiftung – die neue zeit, Rothausstrasse 105, CH-3236 Gampelen
Verwaltungsgeschichte / Biographische Angaben
In der Zeit zunehmender Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, die eine Erneuerung der gesamten Lebensweise forderten. Verortet war diese heterogene Bewegung vor allem in Deutschland, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden. Als Ideal wurde ein gesundes und naturbewusstes Leben angestrebt, worauf auch der Begriff des Naturismus verweist. Es ging dabei sowohl um den persönlichen Lebenswandel (Vegetarismus, Alkohol- und Tabak-Abstinenz, Sport) wie auch um sozialreformerische Ansätze in Erziehung, Bildung, Wohnen, Ernährung, Sport und Gesundheit. Ein zentraler Aspekt der naturnahen Lebensweise stellte das Nacktsein dar, durch welches man sich in unvermitteltem Kontakt mit Sonne, Licht und Luft sah.

Durch den Zweiten Weltkrieg verschob sich das Zentrum der Lebensreform-Bewegung von Deutschland in die Schweiz. Hier wurde die Bewegung seit den 1920er-Jahren vor allem durch Werner Zimmermann sowie Eduard Fankhauser und Elsi Fankhauser vorangetrieben, mit dem Verlag «die neue zeit» und dem gleichnamigen Gelände am Neuenburgersee als zentrale Institutionen. Werner Zimmermann war einer der Intellektuellen des Naturismus. Er hielt Vorträge, organisierte Ferienlager und war publizistisch tätig. Eduard Fankhauser unterstützte diese Arbeit ab den 1920er-Jahren verlegerisch und organisatorisch. Hieraus ging der Verlag «die neue zeit» und Buchhandlungen in Bern, Biel und Zürich hervor.

1927 gründete Eduard Fankhauser mit einigen Gleichgesinnten den «Schweizer Lichtbund», die heutige «Organisation der Schweizer Naturisten», kurz «ONS» genannt. Als 1930 das erste Gelände in Mörigen am Bielersee gekauft wurde, zählte der Lichtbund bereits 800 Mitglieder. 1936 konnten Edi und Elsi Fankhauser unter grossen finanziellen Opfern das bis heute bestehende Gelände in Thielle am Neuenburgersee erwerben. Es bekam den Namen «die neue zeit» und entwickelte sich zu einem nationalen und transnationalen Zentrum des Naturismus. Am 30. März 1961 wurde die Stiftung «die neue zeit» gegründet, um das Naturistengelände in Thielle für die Zukunft zu erhalten. Den ersten Stiftungsrat bildeten Werner Zimmermann und das Gründerehepaar Edi und Elsi Fankhauser.

Der Verlag «die neue zeit» war das zentrale Organ zur Verbreitung lebensreformerischer Inhalte und stellte gleichzeitig eine wichtige Einnahmequelle für die organisatorischen Bemühungen dar. Die Bedeutung des Verlags stieg während des Nationalsozialismus weiter, als in Deutschland die Verlage und Zeitschriften der Lebensreform-Bewegung verboten wurden. Ein wichtiger Inhalt der Zeitschriften bestand in Nackt-Fotografien. Dies Bilder dokumentierten einerseits Aktivitäten an den Orten der Lebensreform-Bewegung, anderseits bestanden sie aus Aktfotos norm-schöner, vornehmlich junger und fast ausschliesslich weiblicher Modells. Teils handelt es sich dabei auch um Jugendliche und Kinder. Die verschiedenen Zeitschriften dieses Genres erreichten relativ hohe Auflagen.

Während der Anfangszeit nach dem Ersten Weltkrieg war das Nacktsein gesellschaftlich und rechtlich noch umstritten. Werner Zimmermann und Eduard Fankhauser waren in mehrere Gerichtsprozesse verwickelt, weil sie sich für den Vertrieb von Nacktfotografien und das öffentliche Nacktsein engagierten. Diese letztlich erfolgreichen Prozesse stärkten die gesellschaftliche Akzeptanz, insbesondere in der bürgerlichen Mittelschicht, aus welcher sich die Bewegung primär rekrutierte.

Die Bewegung wuchs stark und erreichte in der Schweiz ihren Höhepunkt während der 1970er-Jahre. Insbesondere der Aspekt des Nacktseins erfreute sich ab Mitte der 1960er-Jahre wachsender Beliebtheit, was jedoch auch zu Spannungen führte. Die Naturist:innen um «die neue zeit» grenzten sich teilweise von der FKK-Bewegung ab, weil diese den umfassenderen Idealen des Naturismus nicht gerecht würde. Solche ideologischen Differenzen waren jedoch kein neues Phänomen. Sie manifestierten sich immer wieder in Auseinandersetzungen. Hervorzuheben ist diesbezüglich das Ringen um die ideologische Ausrichtung des Geländes in Thielle, welches ab 2004 in einem heftigen Streit um die Stiftung «die neue zeit» kulminierte, der die Beteiligten bis vor Bundesgericht führte.
Übernahmemodalitäten
Übernommen am 14.12.2020. Die Ablieferung wurde von V. Hagendorf betreut.

Inhalt und innere Ordnung

Form und Inhalt
Von der Stiftung hat das Schweizerische Sozialarchiv Teile der historischen Stiftungsakten schenkungsweise übernommen. Die Ablieferung umfasste die umfangreiche Mitgliederkartei, Naturistenhefte, Tonbandaufnahmen, Diapositive und Glasplatten.

Der Periodika-Bestand wurde in die Bibliothek des Schweizerischen Sozialarchivs integriert. Die übergebenen Unterlagen, 37 Zeitschriftentitel und 16 Monographien, können im Bibliothekskatalog mit dem Code E19Thielle aufgerufen werden.

Die audiovisuellen Dokumente wurden von der Abteilung Bild+Ton des Sozialarchivs bearbeitet. Der Bildbestand ist unter der Signatur SOZARCH F_5178 erschlossen und enthält Aufnahmen zu Lebensreform und Freikörperkultur aus den 1930er und 1940er Jahren. Über den Entstehungskontext, Aufnahmeorte und -zeit sind keine weiteren Informationen vorhanden. Möglicherweise wurden die Fotografien in der Zeitschrift "die neue zeit" verwendet. Die 1928 von Eduard Fankhauser gegründete Publikation verband lebensrefomerische Texte mit einem für damalige Verhältnisse freizügigen Bildprogramm. 15 gemischte Foto- und Korrespondenzordner

Ein Kernbestand, 15 gemischte Foto- und Korrespondenzordner, werden nach wie vor in Thielle aufbewahrt.
Bewertung und Kassation
Es wurden keine Kassationen vorgenommen.
Neuzugänge
Es werden Neuzugänge erwartet.

Zugangs- und Benutzungsbedingungen

Zugangsbestimmungen
Der Bestand ist im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs ohne Benutzungsbeschränkungen einsehbar.
Sprache/Schrift
Unterlagen in deutscher Sprache

Sachverwandte Unterlagen

Verwandte Verzeichnungseinheiten

Verzeichnungskontrolle

Informationen der Bearbeiter*in
Der Bestand wurde im Herbst 2021 von U. Kälin geordnet und verzeichnet.