Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, Société Suisse d'Utilité Publique, Società svizzera d'utilità pubblica


Identifikation

Signatur:

Ar SGG

Entstehungszeitraum / Laufzeit:

1791-2011

Umfang:

56 m


Kontext

Verwaltungsgeschichte / Biographische Angaben
Die SGG wurde 1810 in Zürich vom Freundeskreis des Zürcher Stadtarztes Hans Caspar Hirzel (1751-1817), Mitglied der Zürcher Hülfsgesellschaft, ins Leben gerufen. Die SGG verstand sich als Erbin der Helvetischen Gesellschaft und verfolgte aufklärerisch-patriotische Ziele, wobei sie die Gemeinwohlorientierung ins Zentrum stellte und sich in den ersten Jahrzehnten besonders auf die Armutsbekämpfung sowie die Förderung von Bildung, Erziehung und wirtschaftlichem Fortschritt konzentrierte. Dabei profilierte sich die SGG, deren liberal gesinnte Angehörige sowohl reformierter wie katholischer Herkunft waren, als reformorientiertes Diskussionsforum der politischen, wirtschaftlichen und geistlich-seelsorgerischen Eliten und wirkte dadurch national integrierend und staatstragend.

Ab 1823 diskutierte die SGG an ihren Jahresversammlungen auf Basis empirischer Vorarbeiten ihrer Mitglieder über konkrete Fragestellungen. Referate und Diskussionsvoten wurden in den "Verhandlungen der SGG" bzw. ab 1862 in der "Schweizerischen Zeitschrift für Gemeinnützigkeit" publiziert und stellen ein wichtiges Archiv der sozialpolitischen Diskussion dar. Anfänglich überliess die SGG die Umsetzung ihrer Reflexionen lokalen Akteuren, nach 1830 gewann die eigene praktische Tätigkeit an Gewicht. Erstmals trat die SGG 1834 mit der Koordination der Geldsammlung für die Geschädigten einer grossen Unwetterkatastrophe im Voralpengebiet öffentlich hervor. Mit dem Ankauf der Rütliwiese (Rütli) 1859 und deren Schenkung an die Eidgenossenschaft schrieb sie sich nachhaltig ins öffentliche Bewusstsein ein. Im 19. Jahrhundert wardie SGG hauptsächlich in den von ihr gegründeten und betriebenen Erziehungs- und Besserungsanstalten (Hilfs- und Sonderschulen) aktiv. Ausserdem richtete sie ihr Augenmerk u.a. auf die Bekämpfung des Alkoholkonsums und des Glückspiels um Geld, auf die Popularisierung von Gesundheits- und Ernährungswissen und die Förderung der Berufsbildung. 1901 initiierte die SGG den Fonds für Hilfe bei nicht versicherbaren Elementarschäden.

Um 1900 wurde die SGG zunehmend Destinatärin von Schenkungen und Legaten. Im Lauf des 20. Jahrhunderts stieg das verwaltete Vermögen von 180'000 Fr. (1910) auf 5,7 Mio. Fr. (1980) bzw. 63 Mio. Fr. (2009). Die Vergabe von Subventionen und Einzelfallhilfe wurden nun zu einem Schwerpunkt. Parallel verlor die SGG als Diskussionsforum an Gewicht. Gründe waren die komplexen Wechselwirkung zwischen dem Ausbau sozialstaatlicher Strukturen und dem zunehmend wertkonservativ, wirtschaftsliberal und sozialstaatskritisch geprägten Selbstbild der SGG sowie die verpasste Integration der sozialistisch orientierten Reformkräfte. Als traditionsreiche sozialpolitische Gesellschaft rief die SGG im 20. Jahrhundert private Wohlfahrtswerke ins Leben, so 1912 die Pro Juventute, 1917 die Pro Senectute, 1918 die Stiftung zur Förderung von Gemeindestuben und Gemeindehäusern und 1978 die Pro Mente Sana. Mit der Gründung und Unterstützung von Konferenzen sowie der Einrichtung eines professionellen Sekretariats 1930 leistete die SGG einen Beitrag zur Verständigung in der Familienpolitik (Schweizerische Familienschutzkommission, 1931), zur Koordination der privaten Wohlfahrtswerke und zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit (Schweizerische Landeskonferenz für soziale Arbeit, 1932 bzw. Schweizer Berghilfe, 1942). Weiter gab sie den Anstoss zur Gründung der Zentralauskunftsstelle für Wohlfahrtsunternehmungen (Zewo, 1934). Nach 1990 setzte eine Neuorientierung ein, die zur verstärkten Förderung von Freiwilligkeit und sozialer Verantwortung führte.

Organisatorisch wandelte sich die SGG nach 1850 zu einem zentral geführten Verein. Die Mitgliederzahl erreichte 1860 rund 1'000, stagnierte auf diesem Niveau bis um 1890, stieg infolge von Werbeaktionen nach 1920 vorübergehend auf 10'000 an und sank in der Folge kontinuierlich. Im Jahr 2009 zählte die SGG rund 2'300 Mitglieder. Im 19. Jahrhundert waren v.a. Pfarrer, Exekutivpolitiker, Unternehmer und hoch qualifiziertes Bildungspersonal in der SGG vertreten, wobei die Attraktivität für politische Amtsträger nach 1870 nachliess, dagegen für Unternehmer und Gewerbetreibende stieg. In den 1880er Jahren traten der SGG erstmals vereinzelt Frauen bei, deren Zahl jedoch auch Ende des 20. Jh. noch verhältnismässig klein war. Die Verankerung der SGG in der Westschweiz und im Tessin blieb insgesamt gering.
Bestandesgeschichte
Die SGG führt seit 1883 ein Archiv, das ursprünglich den Grundstein für das Projekt eines Schweizerischen Zentralarchivs der Gemeinnützigkeit bilden sollte. Auslöser dazu war die Beteiligung der SGG an der Schweizerischen Landesausstellung 1883 in Zürich. Nach Abschluss der Ausstellung wurde der SGG von der Gruppe Wohltätigkeit reichhaltiges Material zur Aufbewahrung übergeben. Otto Hunziker, Verfasser der SGG-Geschichte 1810-1860, war mit der prominent zusammengesetzten Archivkommission treibende Kraft für den ersten gedruckten Archivkatalog, der 1887 erschien. In diesem Katalog sind zum einen die Materialen der Landesausstellung, zum andern die von Hans Caspar Hirzel (1750-1817) zusammengetragene Dokumentation zur Frage der Gemeinnützigkeit verzeichnet. Das SGG-Archiv enthält aus diesem Grund Dokumente, die bis auf das Jahr 1790 zurück gehen und sich beispielsweise mit dem Armenwesen in Basel befassen.

Während des Ersten Weltkriegs wurde die Archivierung dem Aufgabenbereich der neu geschaffenen Stelle des Sekretärs der SGG zugeordnet. Die Archivalien gelangten damals aus dem Estrich des Wollenhofes an der Schipfe in Zürich in die Sekretariatsräumlichkeiten. Der ganze Bestand wurde während des Zweiten Weltkriegs vom Historiker Sigfried Viola neu geordnet und in den Jahren 1942-1943 mittels eines Kreuzkatalogs auf Karteikarten erschlossen. Später, d.h. bis zu dessen Pensionierung im Jahr 1969, wurde das Archiv der SGG von Walter Rickenbach betreut. Im Jubiläumsjahr 1960 wurde das Archiv überarbeitet.

Im Hinblick auf das 200-Jahr-Jubiläum der SGG ergriff Herbert Ammann 1993 die Initiative zur neuerlichen Aufarbeitung des Archivbestandes. Mit dieser Aufgabe wurden Stephan Holländer und Martin Gabathuler betreut, die ihre Arbeit 1994 aufnahmen. Alte Archivschachteln und Schutzumschläge wurden durch alterungsbeständige, säurefreie Behältnisse ersetzt. Ferner wurden Metall- und Plastikteile entfernt. Auch die von der Archivkommission im 19. Jahrhundert erstellte Archivsystematik und Archivalienordnung wurde, wo dies nicht der Fall war, wieder hergestellt. Im Verlauf dieser Erschliessungsarbeiten kamen bei den Akten der 1970er und 1980er Jahre Lücken zum Vorschein, die teilweise durch Zufallsfunde in der Geschäftsstelle geschlossen werden konnten. Auf Vorschlag von Stephan Holländer und Martin Gabathuler wurde für die inhaltliche Erschliessung eine Datenbank konzipiert und umgesetzt.

Die Übergabe der Akten ans Schweizerische Sozialarchiv im Sommer 2010 erfolgte in erster Linie aus konservatorischen Gründen, denn die Lagerungsbedingungen an der Geschäftsstelle waren unbefriedigend. Hinzu kamen der zunehmende Platzmangel und die hoch willkommene Entlastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle.
Übernahmemodalitäten
Die historischen Akten der SGG, d.h. die Akten von der Gründung im Jahr 1810 bis 1960, gelangten am 29. Juni 2010 als Dauerleihgabe ins Schweizerische Sozialarchiv. Die Gesellschaftsakten ab 1960 bis ca. 2000, insgesamt 2096 Verzeichnungseinheiten, wurden im Jahr 2017 abgeliefert (Akten, chronologisch 1960-2000, Kommissionsakten Ablieferung 2017, einzelne Protokollbücher (ohne Signatur)).

Inhalt und innere Ordnung

Form und Inhalt
Mehr oder weniger vollständiges Gesellschaftsarchiv, das in drei historisch gewachsene Serien unterteilt ist: eine nach chronologischen Gesichtspunkten geordnete Aktensammlung (Aktenserie A), die Unterlagen der diversen Kommissionen (Aktenserie B), die gebundenen Protokoll-, Korrespondenz- und Aktenbücher (Aktenserie C). Die vorhandene Ordnung wurde im Wesentlichen übernommen. Es ist darauf hinzuweisen, dass die Dossierbezeichnungen, insbesondere jene für die chronologisch geordneten Dossiers der Aktenserie A, in vielen Fällen nicht korrekt sind.

Zum Zeitpunkt der Übernahme des SGG-Archivs durch das Schweizerische Sozialarchiv war ein Aktenverzeichnis in Form einer File-Maker-Datei vorhanden. In dieser Datei waren die SGG-Akten auf Dossier-Ebene verzeichnet. Diese Informationen wurden im vorliegenden Findmittel als Titel der Verzeichnungseinheiten übernommen. Detaillierte Inhaltsangaben zu den einzelnen Dossiers wurden mit Hilfe des Schlagwortkatalogs der SGG zusammengestellt. Dieser Katalog mit rund 8'000 Karteikarten befand sich in den Sekretariatsräumen der SGG in Zürich; er wurde mit den Archivalien ins Schweizerische Sozialarchiv überführt. Die Ergänzung des vorhandenen Archivverzeichnisses mit den den Angaben aus der Schlagwortkartei stellte einen zentralen Aspekt der Archivübernahme dar.
Neuzugänge
Es werden Neuzugänge erwartet.

Zugangs- und Benutzungsbedingungen

Zugangsbestimmungen
Für die neueren Akten der SGG bestehen Benutzungsbeschränkungen, während die Unterlagen bis 1960 im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs ohne Benutzungsbeschränkungen einsehbar sind. Die Akten ab 1960 sind im Verzeichnis ohne Signaturen dargestellt und somit auch nicht bestellbar. Die Einsichtnahme in neuere Akten ist für wissenschaftliche Zwecke möglich, setzt aber die Einwilligung der SGG voraus. Wenden Sie sich bitte an die Leitung des Schweizerischen Sozialarchivs.
Sprache/Schrift
Unterlagen in deutscher französischer und italienischer Sprache

Sachverwandte Unterlagen

Verwandte Verzeichnungseinheiten
Veröffentlichungen